Wir Nietzsche (UA)
mit Texten von Friedrich Nietzsche
Regie: Roberto Ciulli
Friedrich Nietzsches (1844–1900) Werk wurde von seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Elisabeth Förster Nietzsche verfälscht, das posthum erschienene Buch Der Wille zur Macht hatte er nie geschrieben. Aber nicht zuletzt trieb dieser Text sein gesamtes Schaffen in die Hände der Nationalsozialisten, die sich aus ihm wie aus einem Baukastensystem bedienten.
Ihm hingegen ging es um etwas anderes, nämlich das bis zu seiner Zeit tradierte Gebäude der Philosophie umzustoßen und ein neues Konzept an dessen Stelle zu setzen. „Ich bin ein Jünger des Philosophen Dionysos, ich zöge es vor, eher ein Satyr zu sein als ein Heiliger.“ Der Gott des Rausches ist der eigentliche Philosoph, dass das Leben lebt, ist ihm wesentlich.
Die Geschichte der Zivilisation stellt für Nietzsche eine gewaltige Fehlentwicklung dar, die dionysische Vorstellungswelt hingegen ist eine Normen auflösende Kraft, die uns von der christlichen „Sklavenmoral“ befreit. So kann als ferne Utopie der „Übermensch“ gedacht werden: ein über sich selbst hinausweisender Mensch, seiner höheren Vernunft, aber auch seiner eigenen Grausamkeiten bewusstes Wesen, das darum einen wirklichen Zustand der Humanität erreichen kann.
Die Inszenierung thematisiert den Fall Nietzsche und den Entwurf seines Denkens als hellsichtigen Rausch, der auch heute noch in die Zukunft weist: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“
Am 20.02. findet im Anschluss an das Theaterstück die Premierenparty statt.
Am 21.03., 22.03. und 24.03. laden wir Sie nach der Vorstellung herzlich zu einem Nachgespräch ein.
Informationen
Ort
Theater an der Ruhr
Akazienallee 61
45478 Mülheim an der Ruhr
Besetzung
Team
- Roberto Ciulli
Inszenierung - Elisabeth Strauß
Bühnenbild / Kostümbild - Roberto Ciulli, Elisabeth Strauß
Auswahl der Texte - Paola Barbon
Biografische Skizze - Helmut Schäfer
Dramaturgie - Dijana Brnić
Regiemitarbeit - Adriana Kocijan
Soundcollage & Bewegungscoach - Bekim Aliji
Licht - Kemal Kilicli
Requisite - Suzana Schönwald
Maske
Stimmen
„Eva Mattes, die nicht im mindesten primadonnenhaft wirkt, nimmt sich der Elisabeth Förster an, ohne sie zu "spielen"; einmal wirft sie sich, matronenhaft kostümiert, inzestuös schmachtend auf das Bett des Bruders. Nietzsches furchtbare Misogynie ist in Mattes' Figur aufgehoben, im besten Sinn des Wortes.[...] Das stärkste Bild aber ist der Auftritt des Droschkengauls, den der Philosoph in Turin auf der Straße umarmte. Der Regen prasselt, der Pferdekopf ist einem Spieler auf den Rücken geschnallt, und jetzt ist es nicht Nietzsche, der den Gaul betrachtet und tröstet, sondern umgekehrt das Pferd, das voller Erbarmen auf den wahnsinnigen Menschen blickt.[...] "Wir Ciulli" möchte man anschließend beinahe aufseufzen. Der "tiefsinnige Italiener", um im Nietzsche-Sound zu bleiben, hat sich wieder einmal selbst übertroffen. Möge er mit 100 noch inszenieren.“
Martin Krumbholz, nachtkritik
„Hier wird ein Nietzsche gewürdigt, der Jesus vor den Christen in Schutz nimmt, und einer, der sich in denkbar klarsten Worten als Anti-Antisemit zeigt (und damit auch seine Schwester und deren Mann scharf verurteilt). Und auch einer, der gegen den deutschen Nationalismus ätzt und die Vernunft retten will, indem er sie mit komödiantischer Unvernunft anreichert: Die Zitate, die derlei bezeugen, fließen in lebendige, mitunter surreale Bilder wie die vier Mimen mit grotesk überzeichneten Nietzsche-Schnauzbärten. Maria Neumann spielt den mehr und mehr vom Wahnsinn verdunkelten Philosophen, dem höchst metaphorisch irgendwann das Licht seiner Laterne ausgeht.“
„Ciulli hat zuletzt bereits mit Antonin Artaud und Pier Paolo Pasolini zwei andere Denkschablonen-Sprenger in Szenenfolgen, die Leben, Werk und Bedeutung intensiv verweben, als lebendige Leitsterne am Bühnenhimmel fixiert. Für Nietzsche als dritten in dieser Reihe hat der Regie-Altmeister, der in wenigen Wochen seinen 92. Geburtstag feiern kann, ein weiteres Mal Eva Mattes für eine Inszenierung gewinnen können. Sie ragt nun als Inkarnation der geistigen Giftmischerin Elisabeth Förster-Nietzsche aus dem achtköpfigen Ensemble heraus.“
„Wie groß der manipulative Anteil von Nietzsches Schwester daran war, darum kreist der „Wir Nietzsche“- Abend von Roberto Ciulli, der am Freitag bei der Uraufführung im Theater an der Ruhr mit Jubel, Bravorufen und Ovationen im Stehen gefeiert wurde.“
Jens Dirksen, WAZ
„Im Hauptteil des Abends findet Roberto Ciulli assoziative Bildlösungen, welche teils direkt auf die jeweiligen Texte, teils auf biografische Details Bezug nehmen. Dabei stehen ihm glänzende Schauspieler zur Verfügung: Eine eindringliche Szene hat etwa Maria Neumann, wie sie mit einer Laterne Gott sucht und dann verzweifelt beklagt, dass dieser von uns Menschen getötet worden sei. Oder Mohammad Saado Kharouf, wie er mit auf den Rücken geschnalltem Pferdekopf dem wahnsinnigen Nietzsche begegnet. Fabio Menéndez begeistert als Groucho Marx, Kara Schröder als Lou von Salomé. Die langjährige Zadek-Schauspielerin Eva Mattes fügt sich als herrische, aber auch groteske Elisabeth glänzend ins Ciulli-Ensemble ein.“
Klaus Stübler, Ruhr Nachrichten
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